Sonntag, 10. März 2013

Local Natives, La Laiterie à Strasbourg

02.03.2013
Local Natives, La Laiterie Strasbourg
Zuschauer: etwa 200, gut besucht, nicht ganz ausverkauft

Nun gut, Aaron Dessner von The National hat - wie schon mal erwähnt - seine Finger im Spiel. Da liegt es nahe, dass ich mal wieder größere Fahrten auf mich nehme.
Und auf dem ATP hatten die Jungs aus der Nähe von Los Angeles auch schon mal überzeugt. Perfekt passte aber auch, dass das am nächsten an der Heimat gelegene Konzert der Local Natives auf einen Samstag fiel und dazuhin der kleine Saal der Laiterie einer der schönsten Veranstaltungsorte ist, den ich kenne. Das Ganze ließ sich also wunderbar mit einem Ausflug ins Nachbarland verbinden und nachdem wir ein perfekt fußläufig zur Laiterie gelegenes, recht erschwingliches Hotel ausfindig gemacht hatten, wurde ein kompletter Wochenendausflug daraus, auf dass auch das zweite Glas elsässischer Riesling noch voll und ganz genossen werden konnte. Beim Packen arbeitete sich die Sonne zum allerersten Mal seit gefühlten 5 Monaten mal wieder durch das Einheitsgrau, so dass mir in letzter Minute einfiel, noch unbedingt nach der verschollenen Sonnenbrille zu fahnden. Herrlich trotz Kälte, aber bei strahlend blauem Himmel und auch später nach Einbruch der Dunkelheit – dann eher ohne Sonnenbrille - durch das schöne Straßburg zu bummeln.
Natürlich waren wir aber schon ganz primär wegen Local Natives angereist. Als wir die Laiterie gegen 20 nach 8 betraten, waren die Haken bei der Kleiderabgabe bereits sehr gut gefüllt. So auch der doch eher winzige Saal, aus dem eine zauberhafte weibliche Stimme zu hören war. Einer der Vorteile dieses Ortes ist die Tatsache, dass der Raum eher in die Breite als in die Tiefe geht und dass sich der Haupteingang im vorderen Teil befindet, so dass man beim Reingehen praktisch fast vor der Bühne landet.
WALL aka Lyla Foy

Wir haben uns fairerweise aber erst mal ein Stückchen weiter nach hinten gestellt und uns umgehend von der Vorband aus London mit Namen „Wall“ gefangen nehmen lassen. Auch das restliche Publikum schien recht angetan zu sein. Es herrschte angenehme Ruhe im Saal und alle schenkten der elfenhaften Engländerin mit dem Gänseblümchenhaarreif ungeteilte Aufmerksamkeit. Der Sound, der ohne Schlagzeug auskam und viel Elektronik beinhaltete, erinnerte entfernt an The XX, vielleicht nicht ganz so minimalistisch, wobei Lyla Foys zarte Stimme dann auch wieder gar nicht mehr zu dieser Assoziation passte. Stimmlich musste ich eher an Enya denken, die Freundin an Nina Persson. Für Anfang April ist das Debutalbum angekündigt und nach den ersten Eindrücken könnte sich das möglicherweise lohnen. Sehr schön auch das Cover des steinalten Supremes-Songs „Where Did Our Love Go“, in einer erfrischend modernen, elektronisch unterlegten 2013er Minimalversion.
In der relativ kurzen Umbaupause war dann deutlich zu vernehmen, dass sich noch ein paar andere Landsleute über die Grenze gewagt hatten. Vor uns wurde fröhlich über Indiemucke und anstehende Festivals gefachsimpelt.
Wie auch Ihr neues Album „Hummingbird“ eröffneten die Local Natives ihren Teil des Abends mit „You & I“, einem Lied, das ich etwas schwierig finde, da ich mich mit männlichen Kopfstimmen einfach nicht richtig anfreunden kann, obwohl das Lied, versuchsweise objektiv gesehen, vermutlich einen ganz passablen Opener abgibt. Es wird in jedem Fall sofort klar, dass das hier ein richtig gutes Konzert geben würde: Zwei Gitarren, Bass, Keys und quasi eineinhalb Schlagzeuge, dazu bis in die Haarspitzen motivierte Musiker, die Ihren druckvollen Psychfolk mit einer wuchtigen Energie in fulminanten, gut ausgesteuerten Klangteppichen über die weiterhin sehr aufmerksame Zuhörerschaft ausbreiten und wohl so ziemlich jeden im Raum mitnehmen.
Nachdem sich Aaron Dessner als Produzent der Platte hervorgetan hat und auch sein Garagenstudio zur Verfügung gestellt hatte, klingt der ureigene Dessner-Sound an der einen oder anderen Stelle durch. Die erste Single „Heavy Feet“ erinnert mich tatsächlich stark an „The National“. Was - zumindest mir - beim Hören der Platte gar nicht bewusst wurde, wie sich Bon-Iver-Lookalike Kelsey Ayer und Schnauzerträger Taylor Rice gesanglich permanent ergänzen und auch abwechseln. Auch der zweite Gitarrist Ryan Hahn und (Tour?-)Bassist Nik Ewing drängt es an die Mikrophone. Kelsey Ayer bedient neben seinem Keyboard fast durchgängig die zweiten Drums. Die Verstärkung ist deutlich hörbar. Die Drumarrangements klingen auch schon auf den beiden Alben phantastisch, was natürlich auch an den Qualitäten von Hauptdrummer Matt Frazier liegen dürfte, der absolut überwältigende Rhythmen beisteuert. Die Energie auf der Bühne wird noch dadurch verstärkt, dass nicht nur ab und zu Instrumente, sondern auch Plätze gewechselt werden und die Instrumente auch sonst mit vollem Körpereinsatz bedient werden. Es klingt phänomenal gut.
Beim wunderschönen „Mt. Washington“ muss ich immer an „Transatlanticism“ von DCFC denken, obwohl natürlich auch dieses ruhigere Lied eine ganz andere Dynamik hat als Ben Gibbards. Viele Ansagen machen die Kalifornier nicht. Ganz am Anfang kommt ein gehauchtes Merci, ansonsten beschränkt man sich auf die eine oder andere Liedansage und macht das, was man am besten kann. Zehn der Songs stammen natürlich von der betourten Platte. Da es nur ein weiteres Album gibt, kommt auch der Vorgänger „Gorilla Manor“ nicht zu kurz.
Insgesamt ganz großes Kino. Ein herrlicher Ausflug, der sich in jeder Hinsicht gelohnt hat. Ich würde vermutlich auch noch ein zweites Mal für zwei Stunden ins Auto steigen, um Local Natives live zu sehen und zu hören. Für den Herbst sind bereits ein paar weitere Deutschlandtermine bestätigt. Ich kann nur wärmstens empfehlen, einen davon wahrzunehmen. Sehr positiv fiel uns auch das eher jüngere, aber unglaublich aufmerksame Publikum auf. Sollte das eine typisch französische Konzertgängereigenschaft sein, ein weiterer Grund den Radar in Zukunft noch ein bisschen intensiver auf die Laiterie richten.
Und am nächsten Morgen, immer noch strahlender Sonnenschein, lausig kalt und wunderschön. Französiches Frühstück: Baguette, Butter, Marmelade und Café au Lait und weil wir uns tatsächlich bereits kurz nach 9 auf den Weg gemacht hatten, so gut wie keine weiteren Touristen.
 

Samstag, 9. März 2013

Abschlussball

26. Januar 2013
Eine skurrile Veranstaltung, die irgendwie aus der Zeit gefallen zu sein schien, aber Söhnchen hatte großen Spaß, auch wenn keiner der Beteiligten mit einem Fortgeschrittenenkurs weitermachen möchte. Ps Tanzdame wird ihren Abschlussball sicher nie vergessen. Die Herren hatten die ehrenvolle Aufgabe Ihre Dame (natürlich unter Zuhilfenahme der Autofahrkünste ihrer Eltern) zuhause abzuholen und P war sich sicher, dass dies um 17:45 h der Fall sein sollte. Leider falsch! 17:40 h ging ein leicht verzweifelter Anruf auf meinem Handy ein. Die Dame stand bereits seit 10 Minuten in der Kälte. Natürlich war es P höchst peinlich. Endlich vereint im Auto meinte er dann, dass es ihm sehr leid täte, dass es aber natürlich noch ein bisschen schlimmer wäre, wenn einem das am Hochzeitstag passieren würde.
An outdated German tradition from our parents and grandparents: Maybe the guidance to some etiquette and to get in touch with the opposite sex. It's a German custom to take dancing classes around 9th grade. Those dancing schools still exist and they teach the kids some nice standard dancing like waltz, tango, cha-cha and foxtrot. It might have been the group pressure but almost all of Ps class wanted to participate and in the end of the course they had their prom night where the parents got invited too. It felt like being in a different decade or the wrong film something like Dirty Dancing without the dirt. P loved it though and I suppose his date will never forget about this night. The guys had to pick up the ladies (but all of them still needed the help of the driving skills of their parents) and P could have sworn the right time had been 5:45 pm! At 5:40 I got a call on my cellphone. L had been standing in the cold in front of their house for 10 minutes by that time! Poor girl. P was really sorry and apologized: "It could have been worse. It could have been your wedding." 

Freitag, 8. März 2013

Happy 2013!!!!

Kleine Party und ganz viel Spaß!
Rinderfilet im Salzteig aus Rachs Kochgesetzbuch:
Für den Salzteig:
600 g grobes Meersalz * 600 g Mehl * 2 Eiweiß * 100 ml Wasser
zu einem Teig verkneten. 
Für das Rinderfilet:
frische Kräuter (Thymian, Rosmarin, Petersilie, (wenig) Salbei, Liebstöckel, Estragon, Kerbel) * 1 Rinderfilet (800-900 g) * Pfeffer * neutrales Pflanzenöl * 1 Eigelb * Backpapier
Kräuter waschen und trocknen;
Rinderfilet pfeffern und von allen Seiten scharf anbraten (etwa 8 Minuten);
Salzteig auf dem Backpapier auswellen, mit der Hälfte der Kräuter belegen, angebratenes Rinderfilet darauf legen, restliche Kräuter auf dem Filet verteilen und mit Hilfe der mit Eigelb bestrichenen Ränder den Salzteig um das Fleisch schlagen und die Ränder mit einer Gabel festdrücken.
Für gute 20 Minuten in den auf 180 Grad vorgeheizten Backofen schieben.
Vor dem Anschneiden des Deckels noch 3 Minuten ruhen lassen und das Filet komplett aus dem Teigbett nehmen, damit es nicht weiter durchziehen kann.
Dazu gab es sehr leckeres Selleriepüree und phantastisch viel Rotwein. 
Auf ein glückliches Jahr 2013!!!

Winterliches Südengland

6. bis 10. Dezember 2012
Somewhere in Sussex and Kent
Wetherspoon Pub im ehemaligen Opera House
Auf dem Weg nach Camber Sands, wo wir natürlich die meiste Zeit unserer 4-tägigen Englandtour verbrachten, machten wir für die erste Nacht auf halber Strecke Halt in Royal Tunbridge Wells, einem alterwürdigen Kurort der feinen englischen Gesellschaft. Den Abend verbrachten wir im Opera House, das in seiner vollen Pracht zum Pub umfunktioniert worden war. 
Pantiles in Tunbridge Wells, die Kurpromenade

Tunbridge Wells Wildlife

Das Kultur- und Shoppingprogramm des zweiten Tages galt dem ausgesprochen hübschen Rye mit seinen hübschen Lädchen, den stolperigen Kopfsteinpflasterstraßen und seiner schönen Lage am Wasser.
So kurz vor Weihnachten konnten wir dann gleich das Schöne mit dem Nützlichen verbinden und kräftig Geld ausgeben.
Parish Church St. Mary in Rye







Camber Sands
Einer der schönsten Strände, den ich je gesehen habe.

Sonntagetee in Salts Farm Shop
 

Auf dem Rückweg Richtung Heathrow Airport fuhren wir noch ein gutes Stück an der Küste entlang und verbrachten ein zwei Stündchen im Seebad Hastings.



The National @ ATP-Festival (E)

9 December 2012
The National ATP festival curated by The National, Camber Sands, southern England
Attendance: around 3000, sold out

Sunday night 11 pm, after three days of music and more music, a few pints, microwave dishes, a lot of tea with milk, beach walks and karaoke in the Queen Vic the curators of this year's ATP festival were about to start their own show to finish the fantastic weekend in East Sussex with an even more fantastic final gig. All three days the five guys of The National had appeared again and again in all places as listeners to the other bands and guitarist Aaron Dessner had also constantly stepped in as guest musician. You could tell that all of them had had a lot of fun with their whole mise-en-scène. Until then it had always been easily possible to walk almost to the front of the stage a minute before the beginning of a set. This time the front part of stage didn’t empty at all right after the end of the gig of Local Natives. The audience had saved some last energies for the grand finale. People in the first two rows had probably not left the room since late afternoon. Almost on time the band entered the stage as always very calm unagitated and with a little unglamorous preshow music.
At that moment we all had already lost the bet on the opening song. Matt Berninger set down his cup; the contents looked very much like beer, though he is usually known for a nice glass of wine and the fitting bottle with it. Second thing he did, he asked for more light. He quickly had to prepare his text and informed the audience that he intended to read the entire show. Even though he has a very sexy speaking voice, the man must be joking. Of course, he was singing and they started straightaway with new material. It had been almost exactly one year ago that The National had completed their 20-month High Violet tour. A few months ago there were a few posts that they had been in the studio, but a release date of a hopefully worthy follow-up album to High Violet was still a big secret. With professed perfectionists you never know how long it might take. So it was wonderful to have the ATP to kill some waiting time with The National giving us a short view behind the curtain on some of their raw versions that will get polished and refined in the near future and you can’t even be sure that they will even make it on the album. It didn’t take more than the second song, "Mistaken For Strangers" from the Boxer album to realize that we were surrounded by native speakers and The National diehard fans. The room began to vibrate. Word perfect and powerful voiced the audience joined in singing every line. Due to the outdated structure of the whole building with everybody jumping and singing I got a little nervous. Unfortunately, at this moment there were a few sound problems (a general problem of Stage One). At "Anyone's Ghost" Matt's voice drowned in the opulent instrumentation. Matt himself also gave another explanation for the obvious weaknesses of the vocals that usually gives you shivers: his "stupid Daughter" had sneaked into his bed 5 days before they came to England. He had her lying next to him and when he yawned, she annoyingly coughed right into his mouth.
They managed to get ahold of the sound problem after a while and fortunately also Matt’s beautiful deep voice didn’t get strained, albeit he had to fight with slight limitations. The excellent audience choir also helped a lot. The vibes were fantastic and more than infectious. The large ATP family celebrated the final party of a triumphant weekend and the band was happy. Happy about an audience that made it really easy for them and happy that they had had the chance to spend so much time with all the other musician friends on a legendary weekend. Some of said friends were also introduced as guest musicians for their set such as Richard Reed Parry of Arcade Fire, who had played three completely different sets of his own over the three days as well. Owen Pallett joined them playing his mind-blowing violin backing the semi-new "I Need My Girl" and the wonderful "About Today". 
The song selection was very close to a set list of an average performance during the last tour. Considering the fact that most people in the audience must have seen at least one gig of the tour, there was no reason to still promote the High Violet album. So the setlist itself was a bit disappointing. I would have loved to get a few more rarely played pearls from the older albums. But at least we could participate in the absolute premiere of three and a half new songs. The second new song however didn’t work at all with the audience and the band definitely was a little disappointed. Matt made his jokes, claiming that the title of the song that had just flopped was "Buttered Bun". At least twin guitarist Aaron started to grin broadly. The following "New Song No. 3" turned out to be much more successful. Rough and unpolished, with an engaging melodic chorus, the typical The National drums, noisy Dessner guitars and the final power of Boxer songs like "Abel" and "Mr. November ". However, it would be almost suspicious if a song by The National fully worked at first listening. In my experience, the pieces need time to grow on you, every time you listen to a song it gets a little bit better and after a while it will never leave you again. Also, the risk of getting tired of a song can almost be eliminated. Somehow I thought it was pretty interesting that the choir compared to the rest of the songs didn’t work so well when they stroke up with "England" a song that I appreciate a lot. Whether the English resent that the "famous angels" never make it to England? The first encore "I Need My Girl" is incidentally also part of the raw material, but had been tried out live a couple of times before. It was noted that in the final part the drums were nicely edited, which significantly improves the song, but it still did not change the fact that the song is just nice average.
The brilliant conclusion after almost two hours then made the unplugged version of "Vanderlyle Cry Baby" already well-known from the second part of the High Violet tour, in which Matt Berninger (notabene without a mic) took a final bath in the crowd conducting his 3.000-men/women-choir. What a lovely, lovely weekend! Or to say it in Matt Berninger’s words: Thanks a lot! We had a blast!

Setlist The National @ATP-Festival Camber Sands:
1. New:„Lola“
2. Mistaken for Strangers
3. Anyone's Ghost (mit Richard Reed Parry)
4. Secret Meeting
5. Bloodbuzz Ohio
6. Conversation 16
7. Squalor Victoria
8. Slow Show
9. New: „Sullivan“ or Buttered Buns
10. New „Prime“
11. Green Gloves
12. Sorrow
13. Abel
14. England
15. Fake Empire
  Encore:
16. I Need My Girl (with Owen Pallett)
17. Mr. November
18. Terrible Love
19. About Today (with Owen Pallett)
20. Vanderlyle Crybaby Geek (unplugged)

Mittwoch, 23. Januar 2013

The National @ ATP-Festival (D)

9. Dezember 2012 ATP-Festival Camber Sands, Südengland

 Sonntagabend 23:00 h, drei Tage voller Musik und mehr Musik, einigen Pints, Mikrowellengerichten, viel Tee mit Milch, Strandspaziergängen und Karaoke im Queen Vic lagen bereits hinter uns, als die Kuratoren des diesjährigen ATP-Festivals mit ihrem eigenen Auftritt das grandiose Wochenende in East-Sussex zum krönenden Abschluss bringen sollten. An allen drei Tagen waren die fünf Herren von The National an jeder Ecke als Zuhörer und vor allem Gitarrist Aaron Dessner auch immer wieder als Gastmusiker aufgetaucht und hatten sichtlich Spaß an ihrer Inszenierung gehabt. War es bis dahin auch immer problemlos möglich gewesen, bis kurz vor Beginn eines Sets weit nach vorne zu laufen, so leerte sich der vordere Teil von Stage One bereits nach den Local Natives so gut wie gar nicht mehr. Das Publikum hatte die letzten Kräfte bis zum Ende aufgespart. Die ersten beiden Reihen hatten den Saal vermutlich schon seit dem Nachmittag nicht mehr verlassen.
 Fast pünktlich betrat die Band wie immer sehr unaufgeregt und unglamourös mit etwas Preshowmusik die Bühne. Die Wette über den Eröffnungssong hatten wir in diesem Augenblick bereits alle verloren. Matt Berninger stellte seinen Becher ab, dessen Inhalt verdammt nach Bier aussah, wo man ihn doch sonst nur mit Weinglas und Weinflasche kennt und bat um mehr Licht. Er musste noch schnell seinen Text präparieren und klärte erst mal darüber auf, dass er vorhabe die gesamte Show lediglich vorzulesen. Auch wenn er über eine sehr sexy Sprechstimme verfügt, der Mann beliebt zu scherzen. Natürlich wurde gesungen und es wurde direkt mit neuem Material gestartet.
The National hatten vor ziemlich genau einem Jahr ihre 20-monatige High Violet Tour beendet. Vor einigen Monaten gab es ein paar Posts, dass man im Studio wäre, aber wann es genau einen hoffentlich würdigen Nachfolger für High Violet geben wird, steht momentan noch in den Sternen. Bei bekennenden Perfektionisten kann das unter Umständen noch eine Weile dauern. Umso schöner, dass es zur Überbrückung der Wartezeit das ATP gibt und uns The National schon mal einen Einblick in ein paar ihrer Rohfassungen geben, die in nächster Zeit noch poliert und geschliffen werden und von denen auch noch gar nicht sicher ist, dass sie es überhaupt auf das Album schaffen.
Spätestens beim zweiten Lied, dem vom Boxer Album stammenden „Mistaken For Strangers“, wurde dann klar, dass wir uns in einem Muttersprachlerland unter eingefleischten The National Fans befanden. Der Saal begann zu vibrieren. Vollkommen text- und stimmsicher sang das Publikum jede Zeile mit. Aufgrund der Bausubstanz der gesamten Anlage wurde mir etwas mulmig. Leider stimmte zu diesem Zeitpunkt der Sound noch nicht so richtig (ein generelles Problem von Stage One). Matts Stimme versank bei „Anyone‘s Ghost“ in der opulenten Instrumentalisierung. Eine weitere Erklärung für die erkennbaren Schwächen beim sonst so Gänsehaut verursachenden Gesang gab Matt dann auch noch selbst: Seine „stupid Daughter“ hatte sich 5 Tage vor Abflug in sein Bett geschlichen und als er ihr gegenüber lag und gähnte, habe sie ihm ärgerlicherweise direkt in den Mund gehustet.
Das Soundproblem besserte sich zum Glück und auch die Stimme hielt, wenn auch mit leichten Einschränkungen. Dank des exzellenten Publikumchors war das letztlich auch gar nicht so schlimm. Die Stimmung war gigantisch und mehr als mitreißend. Die große ATP-Familie feierte die Abschlussparty des gelungenen Wochenendes und die Band war glücklich. Glücklich über ein Publikum, das es ihnen wirklich einfach machte und glücklich, dass auch sie selbst mit all den befreundeten anderen Musikern ein legendäres Wochenende verbringen durften. Ein paar von besagten Freunden hatten dann auch noch Gasteinsätze wie Richard Reed Parry von Arcade Fire, der selbst drei vollkommen unterschiedliche Sets an den drei Tagen gespielt hatte und mit The National recht eng befreundet zu sein scheint.
Wahnsinnig toll war auch Owen Palletts Geigeneinsatz beim halbneuen „I Need My Girl“ und beim wunderschönen „About Today“. Die Songauswahl entsprach weitestgehend der Setlist eines durchschnittlichen Auftritts bei der letzten Tour, was in Anbetracht der Tatsache, dass wahrscheinlich die meisten Besucher die Tour gesehen hatten und es keinen Grund mehr gab das High Violet Album in den Vordergrund zu stellen, etwas enttäuschend war. Man hätte sich an dieser Stelle einfach noch ein paar seltener gespielte Perlen aus den älteren Alben gewünscht. Immerhin durften wir aber an der absoluten Premiere von dreieinhalb neuen Songs teilhaben. Der zweite neue Song funktionierte beim Publikum allerdings überhaupt nicht und die Band war erkennbar ein wenig enttäuscht. Matt scherzte darüber hinweg, indem er behauptete, dass der Titel des gerade gefloppten Lieds „Buttered Bun“ sei, was bei Zwillingsgitarrist Aaron ein breites Grinsen hervorrief. Weiter ging’s mit „Neue Lieder Drei“ und das dann auch deutlich erfolgreicher. Rau und ungeschliffen mit packendem melodiösem Refrain, den typischen The National Drums, krachigen Dessner Gitarren und der Schlusspower von Boxer Liedern wie „Abel“ und „Mr. November“. Es wäre allerdings schon beinahe verdächtig, ein Lied von The National beim ersten Hören voll erfassen zu können und direkt gut zu finden. Nach meiner Erfahrung müssen die Stücke erst mal im Zuhörer reifen, werden bei jedem Hören noch ein kleines bisschen besser und dann lassen sie einen nie wieder los. Auch die Gefahr sich daran zu überhören kann nahezu ausgeschlossen werden. Irgendwie interessant fand ich auch noch, dass beim von mir sehr geschätzten „England“ im Gegensatz zu allen anderen Stücken kaum mitgesungen wurde. Ob die Engländer wohl verübeln, dass es die „famous angels“ nie bis England schaffen? Die erste Zugabe“ I Need My Girl“ gehört im Übrigen auch noch zum Rohmaterial, war aber live schon häufiger ausprobiert worden. Es fiel auf, dass im Schlussteil gründlich an den Drums gearbeitet worden war, was das Lied deutlich verbessert, aber noch immer nichts daran ändert, dass der Song einfach nicht über ganz nett hinauskommt.
Den wirklich fulminanten Abschluss nach knapp zwei Stunden setzte dann die auch schon aus dem zweiten Teil der High Violet Tour bekannte Unplugged-Version von „Vanderlyle Cry Baby“, bei der sich Matt Berninger (wohlgemerkt auch er ohne Mikro) noch ein Schlussbad in der Menge gönnte und seinen 3.000-Mann/Frau-Chor dirigierte.
What a lovely, lovely weekend! Oder um es mit Matt Berningers Worten zu sagen: Thanks a lot! We had a blast!
 
 
Setlist The National @ ATP-Festival Camber Sands:
1. Neu: Arbeitstitel „Lola“
2. Mistaken for Strangers
3. Anyone's Ghost (mit Richard Reed Parry)
4. Secret Meeting
5. Bloodbuzz Ohio
6. Conversation 16
7. Squalor Victoria
8. Slow Show
9. Neu: Arbeitstitel „Sullivan“ oder auch Buttered Buns
10. Neu: Arbeitstiel „Prime“
11. Green Gloves
12. Sorrow
13. Abel
14. England
15. Fake Empire
 
Encore:
16. unveröffentlicht: I Need My Girl (mit Owen Pallett an der Violine)
17. Mr. November
18. Terrible Love
19. About Today (mit Owen Pallett)
20. Vanderlyle Crybaby Geek (unplugged)
 
Richard Reed Parry hat noch bei einigen anderen Songs assistiert, aber leider konnte ich nicht mehr klären, bei welchen und auch Nico Muhly wurde auf die Bühne gebeten.

Und auch hier nochmal herzlichen Dank an das famose Konzerttagebuch für die Erstveröffentlichung.